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Aufführung
Trifft die siebte Kugel den Richtigen?
Über 200 Jahre später erfährt die romantische Oper von Carl Maria von Weber „Der Freischütz“ eine Renaissance im Landestheater von Flensburg. Der DSP-Kurs der 12. Jahrgangsstufe der Johann-Comenius-Schule Thesdorf interpretiert das Stück auf eine moderne und bisher ungesehene Art und Weise.
Die Oper „Der Freischütz“ erzählt die Geschichte des jungen Jägers Max, der aus Angst, seine Braut Agathe zu verlieren, mit der Hölle paktiert. Sein Rivale Kaspar, der sich mit dem Teufel verbündet hat, treibt ihn dazu, in der Wolfsschlucht sieben teuflische Kugeln zu gießen, von denen eine unkontrollierbar ist. Während der Probeschuss vor Fürst Ottokar, dem Vater von Agathe ansteht, soll Max eine weiße Taube treffen – doch die verhängnisvolle Kugel wird umgelenkt und tötet stattdessen Kaspar. Max gesteht seine Tat, wird zunächst bestraft, kann allerdings nach einem Probejahr, das ihm der Fürst gewährt, Agathe schließlich heiraten.
An diesem Grundmuster orientiert sich die Inszenierung: Die Figuren wurden übernommen, aber in die Neuzeit transferiert. Die chorischen Passagen sind präzise und wirkungsvoll eingesetzt. Durch rhythmische Sprachmuster und gemeinsame Bewegungen entsteht eine eindrucksvolle Dynamik, die den Szenen zusätzlich Ausdruck verleiht. Die Kombination aus synchronen Bewegungen und Sprechchören verleiht den einzelnen Szenen eine gar tranceartige Wirkung. Das puristische Bühnenbild – wenn es die Beschreibung nicht schon an sich übertreibt – unterstützt diese Wirkung und lenkt die Aufmerksamkeit auf die ästhetischen Mittel. Diese versetzen die Bühne zusammen mit passendem Licht in mystische Umgebungen.
Musik aus der Popkultur der 80er und 90er Jahre, wie etwa Michael Jacksons „Thriller“, lockern das Geschehen auf und verleihen der Inszenierung einen modernen, kraftvollen Anstrich. Besonders die Choreografie zu diesem Song war beeindruckend: Synchron und mitreißend getanzt, wurde hier eine dichte und energetische Szene geschaffen, die dem Stück zusätzlichen Schwung verleiht.
Etwas uneindeutig bleiben die Brüche mit der historischen Vorlage. Die kritischen Töne sind leise im Vergleich zu lauten, ausdrucksvollen adaptierten Originalpassagen. Den Zuschauer*innen wird die Problematik des Inhalts hierbei nicht bewusst genug. Undeutlich wirkt in diesem Zusammenhang auch die eingefügte Botschaft über die "alten weißen Männer".
Die kreative Darstellung der Wolfsschlucht war hingegen sehr gelungen: Mit minimalistischen Mitteln, wie einer V-Formation, grünem Licht und starken chorischen Passagen mit Echo-Effekt, gelingt es der Gruppe, eine düstere und spannende Atmosphäre zu erzeugen. Auch die Szene, in der Max über eine Schlucht springt, überzeugt durch ihre dichte Spannung und das mutige Spiel mit einfachen Mitteln. Besonders gelungen ist zudem das Markttreiben oder der Wald: Hier werden mit viel Spielfreude und cleverem Stimmeinsatz dichte, lebendige Bilder erzeugt, die die Zuschauer*innen sofort in die Szene hineinziehen. Mutig und humorvoll ist der bewusste Rollenwechsel auf offener Bühne. Dass sich die Darsteller während des Spiels austauschen und diese Wechsel auch kommentieren, bringt einen charmanten Bruch mit klassischen Spielkonventionen – auch wenn es an manchen Stellen etwas zufällig wirkt. Dennoch bietet dies eine kreative Möglichkeit, verschiedene Spieler in zentrale Rollen zu bringen.
Insgesamt zeigt die Gruppe eine intensive und sehr körperliche Auseinandersetzung mit dem Stoff, die von starken chorischen Momenten und beeindruckender Gruppendynamik geprägt war. Ein modernes, mutiges und ideenreiches Stück, das zeigt, wie Schultheater zeitgemäß und kreativ Klassiker aufgreifen kann. Auch wenn die Kritik deutlicher hätte gesetzt werden können, indem man sich traut zentrale Elemente des Originals zu ändern: Wie wäre es z.B., wenn die siebte Kugel nicht den Antagonisten trifft, sondern den Fürsten als Ausdruck gesellschaftlicher Schieflage...
von Johannes Fiebelkorn und Hennes Feser