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Kollektives Autobiografieren als Performance  – von der Seite auf die Bühne geschaut: Choreografie mit sieben Personen in blauer Lichtstimmung.

Workshop

Kollektives Autobiografieren

Gepostet am 15. 03. 2025 von Tania Meyer

“Wie gelingt es, eine diverse und inklusive Kultur zu entwickeln? Wie können wir sicherstellen, dass alle Projektbeteiligten im (Schutz-) Raum Theater gerecht behandelt werden?“ – Diese Fragen begleiteten den Workshop 1 für Spielleitungen von Katharina Oberlick, die kurzfristig für Michael Bandt eingesprungen ist.

Ihr Workshop begann mit einer Sammlung von Wahrnehmungen zu Diversität im Alltag, die die Teilnehmenden aus ihren verschiedenen Aufgaben, Begegnungen und Settings in der Schule mitbrachten und in der Gruppe teilten. Ein Anliegen war, individuelle Lebensgeschichten in größeren Zusammenhängen erkennbar zu machen und dabei verallgemeinernde oder gar stereotype Zuschreibungen zu vermeiden. Stattdessen ging es darum, Momente von Authentizität einzufangen, in denen sich Andere wiederfinden können.

Ein Schwerpunkt bildete die Einbindung von biografischem Material. Mit Satzanfängen wie „Als ich klein war ….“ – „Da, wo ich herkomme, …“ – „Für mich ist es normal, wenn …“ oder „Bei uns war es….“ unternahm die Gruppe eine gemeinsame biografische Spurensuche, bei der es darum ging, konkrete Erinnerungen auf Karten festzuhalten, die im Verlauf des Tages mit anderen geteilt werden können.

Ein zweiter Auftrag war, in der Gruppe mit persönlichen Selbstaussagen Schnittmengen zu bilden: „Ich bilde eine Schnittmenge mit allen, die keine Hunde mögen“ zog einige stark an, während andere der Schnittmenge eher fernblieben. In den wechselnden Konstellationen von Gleichgesinnten spiegelte sich zugleich ein hohes Maß an Diversität. Die stetige Bewegung im Raum unterstützte das spielerische und flüchtige Teilen von Selbstpositionierungen und führte im Verlauf zu immer mehr Vertrauen in die Gruppe, so dass die Aussagen auch immer mutiger und persönlicher wurden. Plötzlich machte das persönliche Outen richtig Spaß und konnte durch individuelle Körperhaltungen und individuelle Routinegesten erweitert werden.

In einem nächsten Schritt ging es um den Blick von Anderen auf sich: Eine Hälfte der Gruppe positionierte ihre spezifischen Körperhaltungen im Raum so aus, dass sie von den Anderen wie Skulpturen betrachtet werden konnten. Hier kamen nun die aufgeschriebenen eigenen Sätze ins Spiel. Die Betrachtenden legten ihre Sätze vor die Figuren, so dass neue Verbindungen zwischen Akteur*innen und Schauenden entstanden. Den Blicken ausgesetzt, erhielten die ausgestellten Körper so neue Zuschreibungen aus anderen Lebensbiografien, die sie im Vortrag wiederum mit allen teilten. Im Raum entstand ein Netzwerk aus geteilten Haltungen und Erinnerungen, das sich auf das Publikum ausweitete und im kollektiven Miteinander unerwartete Identifizierungen erzeugten. Das Setting ermöglichte zum einen ein autobiografisches Erzählen von komischen, peinlichen oder riskanten Situationen, ohne die Akteur*innen auf der Bühne bloßzustellen; zum anderen provozierte es die Reflexion des Blicks im Rahmen der Kunst und darüber hinaus.

Der Schutzraum Theater entsteht hier in der Arbeit im kollektiven Miteinander: Alle tragen etwas Eigenes zusammen; aus Wahrheiten und Behauptungen entsteht ein größeres Ganzes. Aus vielen individuellen Bewegungen entstehen gemeinsame Choreografien, durch konkrete Erinnerungen an Kindheit, Zuhause oder „was normal war…“ entwickeln sich neue Geschichten, die vielfältige Perspektiven miteinander verknüpften.

Autobiografisches Erzählen wurde zudem in linearen Formationen erprobt, in denen Facts and Fiction über sich selbst im gemeinsamen Vortrag neu verknüpft wurden. Dazu kamen erweiterte Spiele wie Kommando Bimberle und Osmose-Tanz, bei denen über Wahrnehmung und Aufmerksamkeit Ein- und Ausschlüsse performativ präsent wurden.

Am Ende wurde eine Strategie zur kollektiven Anleitung von Proben vorgestellt. Dabei überlegt sich eine Kleingruppe für eine andere einen strukturierten Ablauf für eine Miniperformance. Diese sollte aus der Verknüpfung von zwei bis drei der erprobten Elemente bestehen, wobei ein Thema und das Setting ebenso wie die Regeln der Verbindung vorgeben werden sollte. Die beauftragten Gruppen präsentierten nach kurzen Beratungen ihre Miniaturen; und in einem nächsten Schritt hätten diese Präsentationen selbst wiederum nach bestimmten Regeln verbunden werden können. Aber schon so entstand eine themenbezogene Performance, die dem Anspruch an die gleichberechtigte Behandlung aller Akteur*innen in einem geschützten Theaterraum in hohem Maße entsprach. Viele vertiefte Reflexionen begleiteten und ergänzten das – auch für Schüler*innengruppen – sehr produktive Verfahren.

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