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Aufführung
Aufführung 4: Für dein vollkommenes Wohl! - LFZ Sehen Schleswig
Was bedeutet es, in einer perfekten Gesellschaft zu leben? Und was, wenn diese Perfektion auf Zwang, Kontrolle und dem Verlust der eigenen Identität beruht? Diese Fragen stellte der Theaterkurs des Landesförderzentrums Sehen in ihrer Aufführung „Für dein vollkommenes Wohl!“, welche den dritten Tag der Schultheaterwoche im Flensburger Landestheater eröffnete.
Stell dir vor, du lebst in einer Welt, in der alles, was du tust, von einer KI bestimmt wird. Was du isst, wie viel du dich bewegst, deine Hobbys und sogar, wen du liebst. Liebe? Verboten. Tanzen? Zu unkontrolliert. Döner? Zu ungesund. Und wer nicht mitzieht, landet im Optimierungscamp. Genau dieses Szenario wurde in der Aufführung thematisiert.
In einem totalitären Staat, in dem Gesundheit über allem steht, werden die Menschen gezwungen, ihre Individualität aufzugeben. Eine allgegenwärtige KI gibt den Menschen vor, was „gut“ für ihr „vollkommenes Wohl“ ist, ob 10.000 Schritte am Tag oder Hobby Horsing. An der Spitze dieses Systems steht zwar die Präsidentin Luna, doch die wahre Macht hat ihr fanatischer Sekretär, welcher als Strippenzieher fungiert. Unterstützt wird er von einem Wissenschaftler*innen-Team, welches unermüdlich an neuen Methoden zur „Perfektionierung“ der Gesellschaft arbeitet. Es werden stetig neue Regeln zur Optimierung der Gesellschaft erlassen und dabei nicht davor zurückgescheut, die Erinnerung der Menschen auszulöschen oder eine ausgelassene Party mit brutaler Konsequenz zu beenden. Doch nicht alle ziehen mit: Zwei Wissenschaftler*innen beginnen zu zweifeln, denn sie erkennen, dass Liebe essenziell ist. Doch der Sekretär hält mit harter Hand an der absoluten Kontrolle fest und erpresst sogar die Präsidentin, deren verbotene Beziehung publik zumachen, wenn diese sich ihm nicht beugt. Doch der Widerstand regt sich. Amy, die Partnerin der Präsidentin, erkennt die Grausamkeit des Systems und beschließt, es zu stürzen. Mit drei Mitstreitern beginnt sie, die Menschen durch Musik und gezielte Fragen an ihre Vergangenheit zu erinnern. Gemeinsam planen sie eine Demonstration vor dem Palast der Präsidentin. Während der Protest eskaliert, fällt die KI aus, das Kontrollsystem kollabiert und der Sekretär wird gestürzt. Damit beginnt ein neuer Weg für die Gesellschaft: einer, in dem Vielfalt und Selbstbestimmung wieder Platz finden.
Während die fesselnde Handlung das Publikum in ihren Bann zog, überzeugten die Darsteller*innen mit einer eindrucksvollen schauspielerischen Leistung. Ein herausragendes Element war die Darstellung der Machtstrukturen: die Kameras, verschiedene Spielebenen und der erhöhte Thron der Präsidentin machten die Überwachung und Hierarchie visuell greifbar. Die wiederkehrende Stimme aus dem Off, die über das „Ich“ reflektierte, verstärkte das zentrale Thema der Identitätssuche und ließ die Zuschauenden noch tiefer in die dystopische Welt eintauchen. Ergänzt wurde dies durch das raffinierte Sounddesign: Bestätigungstöne und Beep-Sounds der KI unterstrichen die Kontrolle, während das chorische Sprechen und synchrone Bewegungen eindrucksvoll den Gruppenzwang darstellten.
Doch die Inszenierung zeigte nicht nur die Dunkelheit eines totalitären Systems, sondern auch den Kampf für Vielfalt und Freiheit. Vom Live-Gitarrenspiel, das die Freiheit durch Hobbys symbolisierte bis hin zu der rebellischen Kraft, mit der einzelne Figuren aus der Gleichschaltung ausbrachen. Insbesondere die Mischung aus dystopischer Strenge und kreativen, teils humorvollen Momenten machte das Stück lebendig und ließ das Publikum zwischen Beklemmung und Hoffnung schwanken. Besonders die persönlichen Nuancen der Darsteller*innen, etwa humorvolle Momente wie die Lust auf Döner oder individuelle Schwerpunkte der Charaktere (Musik, Essen, Erinnerung) machten die Figuren greifbar und schufen eine starke Verbindung zum Publikum.
Das Ensemble setzte mit seiner Aufführung passend zum Thema der Theaterwoche ein klares Statement für die Vielfalt. Die Aufführung war kreativ, witzig und innovativ, aber auch intensiv und beklemmend: eine beeindruckende Mischung, welche die Bedeutung von Vielfalt auf allen Ebenen erlebbar machte. Besonders die differenzierte Darstellung der Präsidentin, welche erst das System stützt, sich dann aber doch daraus löst, zeigte, dass es in dieser Welt nicht nur schwarz oder weiß gibt. Die Aufführung zeigte wie stark Theater sein kann, wenn es aktuelle Fragen aufgreift, Emotionen weckt und zum Nachdenken anregt.
Von Marlena Splinter und Michelle Freundt